Gott in der Zwickmühle?

„1 Es kam aber der Engel des HERRN herauf von Gilgal nach Bochim und sprach: Ich habe euch aus Ägypten heraufgeführt und ins Land gebracht, das ich euren Vätern zu geben geschworen habe, und gesprochen, ich wollte meinen Bund mit euch nicht brechen ewiglich. 2 Ihr aber solltet keinen Bund schließen mit den Bewohnern dieses Landes und ihre Altäre zerbrechen. Aber ihr habt meiner Stimme nicht gehorcht. Warum habt ihr das getan? 3 Da sprach ich: Ich will sie nicht vor euch vertreiben, dass sie euch zu Jägern werden und ihre Götter zur Falle. 4 Und als der Engel des HERRN diese Worte zu allen Israeliten geredet hatte, erhob das Volk seine Stimme und weinte. 5 Und sie nannten die Stätte Bochim und opferten dort dem HERRN.“ Richter 2:1-2 (Luther 2017)

Der Engel des Herrn

Engel des Herrn – auf hebräisch |יהוה מָלָך malak jhwh| bedeutet übersetzt: Bote JHWHs, also ein Botschafter Gottes. Der malak JHWH verspricht Abraham einen Sohn (1 Mose 22), begegnet dessen ägyptischer Sklavin Hagar (1 Mose 16), spricht zu Mose in einem brennenden Busch (2 Mose 3), begegnet dem Bileam (4 Mose 22), später im Richterbuch dem Gideon (Richter 6), dem Propheten Elia (1 Könige 19) und David (1 Chronik 21). Und dies ist nur eine Auswahl.

Allen diesen Begegnungen ist gleich, dass einmal der Engel als Bote Gottes spricht und dann auch wieder wie Gott selbst auftritt. Diese komplexe Darstellung kann uns helfen Gottes Wesen besser zu verstehen, er begegnet uns persönlich, behält aber seine Identität als der heilige Gott, Schöpfer des Universums. Auch können wir sein dreieiniges Wesen erkennen. Gott ist Vater, Sohn und Heiliger Geist, drei in eins. So wie der Engel als Bote erscheint und dann auch mit Gottes Autorität spricht.

Und drittens erklärt es auch, warum sich Jesus als „eins mit dem Vater“ beschreiben kann und gleichzeitig als „der Sohn [des Vaters]“ bezeichnet. Gott ist ein komplexes Wesen und diese Stellen fordern uns auf, uns mit dem Wesen Gottes zu beschäftigen. Je besser wir Gott erkennen, umso deutlicher erkennen wir, dass wir vor diesem Gott nicht bestehen können.

Herauf von Gilgal

Der Bote JHWH |יהוה מָלָך malak jhwh| kam von Gilgal. Dieser Ortshinweis hat es in sich! Gilgal war die Stelle, an der die Israeliten den Jordan durchschritten. Ähnlich wie beim Roten Meer hat Gott hier den Wassern befohlen sich zu stauen. Dieses Wunder fand am ersten Tag der Passawoche statt, der Woche, die seit über 40 Jahren die Israeliten daran erinnerte, dass sie vom Todesengel verschont wurden, weil sie ein Lamm in die Familie aufnahmen, am vierten Tag schlachteten und mit dem Blut des Lammes die Türpfosten bestrichen, damit der älteste Sohn nicht sterben musste.

Bei Gilgal errichteten die Israeliten ein Monument aus zwölf großen Steinen aus dem Jordan, das sie an diesen Tag und den Durchzug durch den Jordan erinnerte.

Bei Gilgal erneuerten die Israeliten ihren Bund mit JHWH und ließen sich beschneiden. Damit bekundeten sie, dass sie Gottes Volk waren und sich seiner Herrschaft unterstellten.

Bei Gilgal begegnete Josau auch der Bote JHWH |יהוה מָלָך malak jhwh| und erklärte Josua, dass er „der Fürst über das Herr des JHWH“ ist (Josua 5: 13-15).

An alle diese Ereignisse und Wunder erinnerte der Engel des Herrn die Israeliten, da er den Weg von Gilgal her nahm. Wie müssen sich die Israeliten gefühlt haben, als sie den Engel des Herrn von dort kommen sahen?

Die Zwickmühle

Seit Jahren arbeiteten die Israeliten an der Eroberung von Kanaan. Doch immer wieder hatten sie Kompromisse gemacht. Sie vertrauten nicht dem „Fürsten des Heeres JHWHs“, sondern suchten sich Hilfe bei anderen Stämmen, sie vertrieben die Völker nicht ganz, sondern ließen die Götzendiener unter sich leben oder nutzen sie als Fremdarbeiter. An alle diese Versagen wurden sie durch „den Weg aus Gilgal“ erinnert.

Auch Gott erinnert sich bei Seinem Weg aus Gilgal an seine Versprechen – und er sieht den Ungehorsam und Kleinglauben der Israeliten. Gott scheint in einer Zwickmühle zu stecken: Er hatte den Israeliten das Land versprochen. Er hatte aber auch gesagt, dass er ihnen das Land nicht geben kann, wenn sie IHM nicht gehorsam sind und die Kanaaniter nicht aus dem Land vertreiben. Gott stellt die entscheidende Frage: „Warum habt ihr das getan?“ – Mit dieser Frage wird die Lage klar: Gott kann sein Versprechen eigentlich nicht halten, da IHM die Israeliten ungehorsam waren. Doch wenn er sein Versprechen nicht hält, wird er sich selbst untreu.

Diese Spannung zieht sich durch das ganze Buch der Richter: Wie kann Gott sich selbst und Seinem Versprechen treu bleiben, wenn doch der Ungehorsam der Israeliten die Erfüllung des Versprechens unmöglich macht?

Doch „bei Gott ist kein Ding unmöglich“ (Lukas 1:37) – dies verkündet der Engel Gabriel der Jungfrau Maria. Und hier – kurz vor der Weihnacht – erhalten wir die Antwort, wie Gott sich treu bleiben kann. Der zeitlose, ewige Gott kam als kleines Kind in diese Welt voller Ungehorsam und Kleinglaubens. Der Ungehorsam und der Kleinglaube trennt die Israeliten und uns von Gott. Wer vom lebendigen Gott getrennt ist, muss sterben – wir hätten den Tod verdient. Doch der lebendige Gott nahm unsere Sünde, und legte sich selbst diese Sünde auf. Anstelle von uns starb der lebendige Gott – Jesus starb am Kreuz für mich und für dich.

Jesus‘ Tod am Kreuz für die Sünde der Welt löst die Spannung im Buch Richter auf. Durch Jesus‘ Tod am Kreuz sind die kleinen Kompromisse, der Ungehorsam und der Kleinglaube vergeben – und der Weg in die versprochene und zugesagte Heimat offen.

Nur ein Weg zu Gott? Das ist doch intolerant!

Das Buch der Richter führt uns ein ums andere Mal unseren Ungehorsam und Kleinglauben vor Augen – und es erinnert uns immer wieder daran, dass der gnädige Gott selbst für uns am Kreuz gestorben ist, damit wir Vergebung haben können.

Willst Du diese Vergebung auch für Dich in Anspruch nehmen?

Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, auf dass wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

2 Korinther 5: 19-21