Nicht an einem Sonntag!

Ein Ball rollt vor einer Kirche in Schottland vor die Füße eines der Kirchgänger. Es ist Eric Liddell, herausragender Flügelspieler der schottischen Rugbynationalmannschaft und im Jahr 1922 einer der schnellsten Personen auf dieser Erde. Eric nimmt den Ball auf und ruft den Jungen zu sich, der mit seinen Freunden vor der Kirche Fußball gespielt hat. Bevor er den Ball zurückgibt erklärt er dem Jungen, dass er an einem Sonntag nicht Fußball spielen sollte, da es der Tag des HERRn sei.

Dies ist eine der ersten Szenen im Film „Chariots of Fire“[i] über das Leben einiger der Athleten des britischen Olympiateams von 1924. Die beiden Hauptprotagonisten des Films sind Harold Abrahams und Eric Liddell, deren unterschiedliche Einstellungen zum sportlichen Erfolg gegenübergestellt werden. Eric war bekennender Christ und neben seinem Studium und Training war er unterwegs um Menschen von Jesus zu erzählen.

Von seiner Schwester Jenny darauf angesprochen, dass ihn sein Training davon abhalte, sich ganz auf die Arbeit in der Verkündigung von Gottes Reich zu konzentrieren, antwortete er: „Ich bin überzeugt, dass Gott mich zu einem bestimmten Zweck geschaffen hat. Aber er hat mich auch schnell gemacht, und wenn ich laufe, spüre ich seine Freude.“

Eric wurde 1902 im kaiserlichen China als Sohn von schottischen Missionaren geboren. China litt zu dieser Zeit noch unter den Nachwirkungen des Boxer Aufstandes, der 200 Missionaren das Leben kostete. Erics Vater und Mutter sahen trotzdem keinen Grund, in die schottische Heimat zurückzukehren, sondern wollten weiterhin der chinesischen Bevölkerung von Jesus erzählen. Erst 1907 gingen sie auf Heimaturlaub in Schottland und als sie 1908 nach China zurückkehrten blieben Eric, sein Bruder Robert und seine Schwester Jenny in Schottland zurück, um ihre Schulbildung weiterzuführen. Bei Sportwettkämpfen wurde Erics Schnelligkeit deutlich, wenn er bei Laufwettbewerben seine Gegner dominierte, trotz seines ungewöhnlichen Laufstils. Nicht nur in den Kurz- und Mittelstrecken war er erfolgreich; 1921 wurde er zum ersten Mal in die Rugby Nationalmannschaft berufen. Als Flügelspieler war er so erfolgreich, dass er im Januar 2022 in Schottlands Rugby Hall of Fame aufgenommen wurde, 100 Jahre nach seinem ersten internationalen Spiel für das schottische Nationalteam. Experten sind sich sicher, dass ihm mehrere internationale Auszeichnungen im Rugby versagt blieben, da er sich nach 1922 der Leichtathletik zugewandte, um sich auf die Olympiade 1924 vorzubereiten.

Seine starke Disziplin im Lauf waren die 100m und die Hoffnungen des britischen olympischen Teams war es, dass Eric Liddell und Harold Abrahams die dominierenden US-Amerikaner, darunter Jackson Schulz, schlagen könnten. Doch es kam anders. Als Eric erfuhr, dass die 100m Wettbewerbe an einem Sonntag stattfinden würden, lehnte er es ab, sich für diesen Wettbewerb einzuschreiben. Das britische Team wollte nicht auf Eric verzichten und so erhielt er die Chance, sich auf die 400m vorzubereiten.

Am Tag der 100m Läufe predigte Eric in einer schottischen Gemeinde in Paris, während Harold Abrahams tatsächlich der erste britische Olympiasieger in den 100m Wettbewerben wurde.

Am 11. Juli 1924 stand er dann im Finale der 400m Läufe. Vor dem Lauf erhielt er von einem Masseur eine Notiz die sagte: „In dem alten Buch steht: Wer mich ehrt, den will auch ich ehren.“ – ein Vers aus 1 Samuel 2:30. Eric musste im Finallauf auf der Außenbahn starten und es blieb ihm keine andere Wahl, als das Rennen komplett zu sprinten, da er seine Gegner immer im Rücken hatte. Er gewann die Goldmedaille in der Weltrekordzeit von 47,6 Sekunden. Dieser Rekord wurde erst zwölf Jahre später bei der Olympiade in Berlin von Godfrey Brown gebrochen.

Zu dieser Zeit war Eric zurück in China. Nur kurz nach seinem triumphalen Empfang in Edinburgh wurde er 1925 auch genauso triumphal nach China verabschiedet. Eric wollte den Menschen in China von Jesus erzählen und er verzichtete auf den Ruhm als Sportler. Er gehorchte Gott und folgte dessen Auftrag. Nur noch einmal kehrte Eric nach Schottland zurück – 1932, um als Pastor ordiniert zu werden. 1934 heiratete er in China die Kanadierin Florence Mackenzie, mit der er drei Töchter hatte. Seine jüngste Tochter Maureen lernte Eric nie kennen. 1941 wurde das Leben durch die japanischen Angriffe in China zu gefährlich für die Familie und Eric schickte die schwangere Florence und seine Töchter Patricia und Heather in Florence‘ kanadische Heimat. 1943 erreichten japanische Truppen die Missionsstation in Tianjin und Eric kam in ein japanisches Internierungslager. Trotz der Mangelversorgung an Essen und Medikamenten erzählte Eric den dort mit eingesperrten Jugendlichen von Jesus und arbeitete bis zur Erschöpfung. Am 21 Februar 1945, fünf Monate vor Ende des Zweiten Weltkriegs im pazifischen Raum, starb Eric Liddell an einem Gehirntumor auf der Krankenstation des Internierungslagers.

Im Jahr der olympischen Spiele 2008 veröffentlichte die chinesische Regierung, dass Eric Liddell die Möglichkeit hatte das Lager zu verlassen, er jedoch zu Gunsten einer schwangeren Mitgefangenen verzichtete, was bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal seiner Familie bekannt war. Bis heute ist auch im kommunistischen China Eric Liddell unvergessen. Zu Ehren von Eric Liddell wurde in Weihsien (dem Internierungslager – im heutigen Weifeng) eine Statue aufgestellt, dazu ein kleiner Grabstein an seinem Grab. Die University of Edinburgh brachte an diesem Grabstein eine Plakette mit einem Vers aus Jesaja 40:31 an: „Die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden.“


[i] Hugh Hudson: Chariots of Fire. Deutsch: Die Stunde des Siegers. 1981 (Oscar 1982, Bester Film)